Big Kora Äußere Umrundung der drei heiligen Berge
Überblick & Orientierung
Yading ist kein Geheimtipp mehr – zumindest nicht für chinesische Reisende. An Wochenenden und in den Ferien ist der innere Bereich des Nationalparks voll, die Gondeln ausgebucht, die Holzwege belebt. Für westliche Reisende jedoch ist Yading nach wie vor weitgehend unbekanntes Terrain. Deutschsprachiger Content dazu existiert kaum, Erfahrungsberichte sind selten, und wer plant, steht meist mit einer Handvoll chinesischsprachiger Quellen da.
Im Mittelpunkt stehen drei Gipfel, die im tibetischen Buddhismus als Manifestationen der wichtigsten Bodhisattvas verehrt werden: Chenresig (6.032 m), Jambeyang (5.958 m) und Chanadorje (5.958 m). Die Umrundung dieser drei Berge – die Kora – ist für tibetische Pilger ein religiöser Akt. Für Trekker eine der eindrücklichsten Mehrtagestouren in ganz China.
Zwei Varianten: Touristenpfad und Big Kora
Wer "Yading" sucht, findet zunächst Bilder von türkisfarbenen Seen, Gondeln und ausgebauten Holzwegen. Das ist das Yading des inneren Touristenpfads – erschlossen, mit Eintritt, Shuttle-Bus und Sauerstoffdosen an der Kasse. Tagestouristen aus ganz China kommen hierher, um Milchsee und Fünf-Farben-See zu sehen.
Die Big Kora – die äußere Umrundung – umschließt alle drei heiligen Berge vollständig. Der Einstieg erfolgt nicht über den regulären Parkeingang, sondern von einem Dorf außerhalb. Man läuft in den Park hinein, nicht mit dem Shuttle. Die Route führt konstant zwischen 4.000 und 4.700 Metern, über Hochplateaus, an Gletscherseen vorbei, durch Gebiete, die Tagestouristen nie sehen. Auf 52 Kilometern umrundet man Berge, die für Millionen Menschen heilig sind. Die beiden Varianten teilen sich eine Landschaft – und wenig sonst.
Die zwei Orte namens Shangri-La
Wer nach Yading reist, begegnet früh einer Quelle der Verwirrung: Es gibt zwei Orte, die auf Englisch "Shangri-La" heißen.
Shangri-La in Yunnan (früher Zhongdian) ist die bekanntere der beiden – eine mittelgroße Stadt auf 3.200 Metern in einer anderen Provinz, rund sechs bis sieben Stunden Busfahrt von Yading entfernt. Dieser Ort hat nichts mit der Big Kora zu tun.
Shangri-La in Sichuan (Xiangcheng) liegt dagegen unmittelbar vor dem Yading-Nationalpark – etwa eineinhalb Stunden vom Daocheng Yading Airport. Das ist der relevante Ausgangspunkt.
Etappenübersicht
| Tag | Strecke | Aufstieg | Abstieg | Höhenband |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 12,7 km | +1.496 m | −204 m | 3.085–4.486 m |
| 2 | 11,9 km | +615 m | −581 m | 3.961–4.533 m |
| 3 | 8,5 km | +498 m | −620 m | 4.216–4.683 m |
| 4 | 11,4 km | +633 m | −458 m | 4.271–4.739 m |
| 5 | 8,2 km | +193 m | −572 m | 4.144–4.639 m |
| ∑ | 52,7 km | +3.435 m | −2.435 m | – |
Beste Reisezeit
September ist empfehlenswert: gemischtes Wetter, aber regelmäßige klare Fenster mit freiem Blick auf die Gipfel. Nachts fallen die Temperaturen regelmäßig in den Minusbereich. Ab Oktober wird es kälter, auf dieser Höhe hält Schnee lange. Juni bis Anfang September ist ebenfalls eine Option – mehr Niederschlag, grüneres Terrain. Den Winter ohne alpine Erfahrung meiden.
Fünf Tage Kora
Wer sich in China dem Lonely Planet anvertraut, landet erfahrungsgemäß an einem Ort, an dem die Hälfte des Landes bereits vor einem steht. Das ist kein Vorwurf, nur ein Muster. Yading stand deshalb auf meiner Liste mit einem Vorbehalt: Nicht so, wie es alle machen.
Die Lösung war die sogenannte Big Kora – die äußere Umrundung der drei heiligen Berge. Keine Gondel, kein Holzweg, kein Besucherzentrum mit Eintrittskarte. Stattdessen fünf Tage Zelten auf 4.000 bis 4.700 Metern, mit Esel und Guide, vom Dorf aus zu Fuß in den Park hinein. Und der Weg dorthin? Über WeChat, natürlich.
Den Kontakt zum Anbieter zu finden dauert länger als die Buchung selbst. Irgendwo zwischen Kontaktaufnahme auf Chinesisch, einer Frage nach meiner Höhenerfahrung – klar doch, jedes Wochenende über 4.000 m! – und dem Abtreten sämtlicher biometrischer Daten für die chinesische Zahlungsabwicklung steht dann irgendwann eine Bestätigung im Chat. Wie seriös das alles wird, bleibt bis zur Abfahrt offen.
Das gemeinsame Abendessen am Vorabend in Shangri-La funktioniert jedenfalls. Von fünf weiteren Teilnehmern sprechen drei zumindest etwas Englisch. Der Guide spricht keines – aber das stellt sich als geringeres Problem heraus als gedacht. Nach einer weiteren siebenstündigen Fahrt auf Pisten, die diesen Namen kaum verdienen, erreichen wir das Ausgangsdorf. Hier läuft das Leben noch weitgehend ohne Netz, und ein Europäer zieht entsprechend Blicke.
Die Reissuppe zum Frühstück schmeckt nach wenig. Man wirft Chili und etwas Schärfe hinein und hofft, dass das reicht. Dann geht es los.
Tag eins ist der härteste: 12,7 Kilometer, fast 1.500 Höhenmeter im Aufstieg, der Start liegt noch unter 3.100 Metern. Während die Gruppe gleichmäßig den Hang hocharbeitet, haben die Versorgungsleute längst die Zelte, das Essen für fünf Abende und das gesamte Gepäck auf die Esel geschnallt und sind gestartet. Sie tragen Turnschuhe. Keine Trekkingschuhe, keine Gamaschen – Turnschuhe. Und sie sind schneller als alle anderen.
Der erste Blick auf die heiligen Berge entschädigt für alles. Drei Gipfel, alle über 6.000 Meter, die wir in den nächsten Tagen umrunden werden: Chenresig (6.032 m), Jambeyang (5.958 m), Chanadorje (5.958 m). Im tibetischen Buddhismus sind sie Manifestationen der wichtigsten Bodhisattvas. Für Yaks und Esel sind sie schlicht der tägliche Hintergrund.
Das erste Lager liegt auf knapp 4.500 Metern. Als wir ankommen, stehen die Zelte bereits.
Der halbe Sonnenaufgang entschädigt für das Wolkengrau, das sich danach breit macht. Halb, weil die Gipfel auf der einen Seite bereits in Licht getaucht sind, während auf der anderen noch Nacht liegt – und man für ein paar Minuten das Gefühl hat, irgendwo zwischen zwei Zuständen zu stehen.
Tag zwei führt durch grüne Hochwälder, die in dieser Höhe niemand erwartet. Das Terrain ist wellig, der Weg wechselt zwischen offenen Hängen und dichtem Bewuchs. Die Gruppe findet ihren Rhythmus. Abends liegt das zweite Lager eingebettet in einer Senke, umgeben von Bergen auf allen Seiten. Die Stille ist vollständig.
In der Nacht hat es mehrmals geregnet. Der Morgen ist feucht und zäh, die Zelte klatschnass, die Schuhe von gestern noch nicht ganz trocken. Auf dem Hochplateau empfangen uns Nebel, Wind und die zotteligen Silhouetten von Yaks, die sich nicht im Geringsten stören lassen.
Dann, auf der anderen Seite, reißt es auf. Und zum ersten Mal sind wir nicht mehr allein: Neben unseren fünf Zelten stehen jetzt weitere fünfzehn anderer Gruppen. Der Lagerplatz ist gut gewählt – spektakulär gelegen wie die beiden davor –, aber das Plastik, das sich um ihn herum angesammelt hat, trübt den Eindruck. Die äußere Kora ist nicht unbekannt. Sie ist nur weniger bekannt als der innere Touristenpfad.
Die Küche arbeitet trotzdem gut. Und als Abendprogramm bieten die Versorgungsleute ein Fußbad in warmem Wasser an – ein angeblich typisches chinesisches Ritual für besseren Schlaf in der Höhe. Die Plastiktüten, die dabei zum Einsatz kommen, widersprechen dem Naturerlebnis in gewisser Weise. Aber wenn man danach tatsächlich besser schläft, ist das schwer zu entkräften.
Vorletzter Tag. Heiliger Berg Nummer zwei hatte sich am Abend davor kurz gezeigt, jetzt verschwindet er wieder hinter Wolken. Es ist kalt, es ist neblig, der Wind drückt von vorne. Die Esel stört das nicht. Uns schon ein bisschen.
Oben auf dem Hochplateau, auf fast 4.700 Metern, liegt ein See. Dann, beim Abstieg, öffnet sich das Tal: die Schlangenseen – ein verschlungenes Blau inmitten des kahlen Hochlandes, mit dem Lagerplatz im Hintergrund.
Und hier bekommt man die volle Pracht des chinesischen Touristenerlebnisses zu sehen: Eine Person fliegt eine Drohne. Eine andere posiert für Fotos, die vermutlich nie ihr Ziel erreichen werden. Jemand raucht. Jemand hat Musik aus einem Bluetooth-Lautsprecher an. Der Rest redet lautstark. Alles gleichzeitig. Willkommen in der Natur.
Es ist komisch. Es ist auch irgendwie menschlich. Und die Schlangenseen sind trotzdem atemberaubend.
Leichter Regen in der Nacht. Früherer Start als sonst – heute geht es zurück. Aber nicht so, wie man hineingelaufen ist.
Am Morgen zeigt sich der dritte und letzte heilige Berg, Chanadorje, wolkenlos. Man läuft über das kahle Hochland, dann zum Milchsee, dann zum Fünf-Farben-See. Und ab diesem Punkt: rapider Abstieg. Sowohl was die Höhe betrifft als auch was das Wanderniveau und seinen Anspruch angeht.
Ausgebaute Holzwege. Geländer. Massen an Besuchern in voller Ausrüstung, die seit der Gondel keine hundert Meter gelaufen sind. Und weil der Sauerstoffgehalt auf 4.000 Metern eben nicht verhandelbar ist, hält hier jeder zweite eine Aludose in der Hand – Sauerstoff zum Drücken und Einatmen. Wer besonders konsequent vorsorgt, benutzt ein Sauerstoffkissen mit Schlauch, direkt in die Nase. Das System funktioniert offenbar. Die Alternative – sich im Vorfeld akklimatisieren – scheint weniger populär.
Fünf Tage, 53 Kilometer, über 3.400 Höhenmeter. Für die letzten zwei Stunden davon braucht man nicht mal Wanderstöcke.
Abends in Shangri-La, nach der ersten Dusche seit fünf Tagen, fragt der Guide noch einmal nach dem Plan für morgen. Dann gemeinsames Abendessen, die Platte wird gedreht, alle sind zufrieden.
Dann das Ticket. Ich brauche einen Bus nach Chengdu. Der erste Versuch in meinem WeChat scheitert. Der zweite auf einem anderen Handy auch. Plötzlich springen alle auf. Ohne viel Vorankündigung bricht die gesamte neunköpfige Gruppe gemeinsam zum Busbahnhof auf – es kann ja nicht sein, dass der Deutsche kein Ticket bekommt. Fünf laufen, ich fahre mit vier anderen im Auto. Vor Ort: niemand mehr da. Verschiedene Versuche, verschiedene Nummern. Alle ohne Erfolg.
Am nächsten Morgen am Bahnhof: Acht Plätze. Ein anderer Ausländer taucht auf. Kurze stille Panik. Ein junges Pärchen mit etwas Englisch und einer Übersetzungs-App gerät ebenfalls in Panik, im Solidaritätsmodus. Dann der Automat. Irgendwie, auf einem Umweg, den niemand so richtig erklären kann, kommt ein Ticket raus.
Yading — fünf Tage in Bildern
Planung & GPX
Anreise
Der komfortabelste Anflug ist der Daocheng Yading Airport (DCY) – von Chengdu in unter zwei Stunden, dann eineinhalb Stunden Bus nach Xiangcheng (Shangri-La Sichuan). Achtung: Der Flughafen liegt auf 4.411 Metern. Wer hier landet und sofort startet, überspringt jede Akklimatisierung.
Alternativ: Bus von Yunnan-Shangri-La nach Xiangcheng – rund sechs bis sieben Stunden durch das Gebirge. Für alle, die ohnehin in Yunnan unterwegs sind, auch eine brauchbare Akklimatisierungsstrategie.
Permits
Nationalparkticket Yading – kein separates Tibet Travel Permit erforderlich. Yading liegt administrativ in Sichuan, nicht im tibetischen Autonomiegebiet.
Akklimatisierung
Die gesamte Route verläuft oberhalb von 4.000 Metern. Wer anfällig für Höhenkrankheit ist, sollte mindestens zwei bis drei Tage auf Höhe verbringen, bevor der Trek beginnt. Xiangcheng liegt auf 2.900 Metern – gut geeignet. Eine Tageswanderung auf 4.000 Meter während dieser Zeit hilft zusätzlich. Wer sich eine Woche akklimatisiert, wird den ersten Trekkingabend kaum spüren – maximal leichte Kopfschmerzen, die mit einer normalen Schmerztablette vergehen.
Was der Anbieter stellt
Die geführte Tour ist vollständig all-inclusive: Zelte (aufgebaut und abgebaut durch das Versorgungsteam), Isomatten, Frühstück und Abendessen, Gepäcktransport per Esel, Guide, Sauerstoff und Erste-Hilfe-Ausrüstung. Den Schlafsack stellt der Anbieter nicht automatisch – er kann jedoch gemietet werden.
Ausrüstung
Das Gepäck tragen Esel – Gewicht ist kein Problem. Entscheidend ist, dass die Kleidung warm genug ist. Eine Daunenjacke ist auf 4.500 Metern abends im Zelt nicht optional. Eine Fleecejacke reicht nicht aus. Mütze und Handschuhe sind auch tagsüber auf dem Hochplateau notwendig. Trekkingschuhe mit gutem Profil: das Gelände ist feucht und wechselhaft, aber nicht technisch.